Was ich gerne vor dem Kunststudium gewusst hätte – Erwartung vs. Realität

Das neue Semester geht bald los und auch an die Kunsthochschulen strömen Erstis, die noch keinen Schimmer haben, was auf sie zukommt. In diesem Beitrag möchte ich ein wenig über die Erwartungen sprechen, die ich und andere an ein Kunststudium haben – Nur dass ich mittlerweile schon ein Jahr Studium hinter mir habe und ein wenig damit aufräumen kann.

Vorweg, ich studiere an einer privaten Akademie in 8 Semestern. Der Studiengang ist quasi genauso aufgebaut wie an staatlichen Hochschulen, trotzdem kann ich natürlich nur für meine Akademie berichten.

Erwartung 1: Man arbeitet die ganze Zeit hauptsächlich in der Uni/Akademie

Tatsächlich ist es bei uns so, dass wir eigene Ateliersplätze im Gebäude haben, die wir uns einrichten können wie wir wollen und wir haben einen Schlüssel zum Gebäude. Glaube die eigenen Arbeitsplätze sind in allen Kunsteinrichtungen normal, daher sollte man von ausgehen, dass man auch den ganzen Tag dort ist. De facto haben jetzt in den ersten Semestern die meisten von uns aber immer zuhause gearbeitet, wahrscheinlich weil es gechillter ist und man dafür nicht das Haus verlassen musste? Ich weiß es nicht. Denn ich mochte die Option wirklich sehr, sich einen Arbeitsplatz außerhalb der eigenen vier wände einrichten zu können. So konnte man Arbeit und Privates einfach extrem gut trennen.

Erwartung 2: Man hat regelmäßige Ausstellungen, am besten noch von der Schule aus organisiert

Ehm, nein. Bei uns gibt es zweimal im Jahr eine Ausstellung in der Akademie, wobei im Sommer vor allem die Absolventen im Mittelpunkt stehen. Wenn du ausstellen willst musst du dich am besten selbst drum kümmern. ABER durch eine Kunstschule knüpfst du natürlich die besten Kontakte und hast auch immer Ansprechpartner an die du dich bei Fragen wenden kannst.

Erwartung 3: Man muss extrem gut malen und zeichnen können

Nein, nein, nein. Es ist trotz allem eine Schule, in der du was lernen sollst. Klar, normalerweise gibt es eine Mappenprüfung, aber selbst da kommt es nicht auf dein reines Können an. Es kommt vor allem auf sie Auswahl deiner Arbeiten, die Kreativität und die Idee dahinter an. Das Handwerkliche lernst du da und auch deinen eigenen Stil sollst du erst im Studium entwickeln. Bei uns im Kurs konnte man so gut sehen, wie sich alle von der ersten Aktzeichenstunde zur letzten verbessert haben. Noch dazu saßen einige bei mir im Kurs, die eher aus der Fotografie oder der digitalen Kunst kamen und auf dem Papier wirklich eher unbegabt waren.

Erwartung 4: Die Schule stellt das ganze Material

Das ist jetzt ein Punkt an dem ich jetzt nicht sicher bin wie es bei anderen ist, aber bei uns ist es definitiv nicht so. Material müssen wir fast immer komplett selbst mitbringen (außer zu einzelnen Terminen wie zum Beispiel den Druckseminaren). Aber man sagt grundsätzlich, dass das Kunststudium so ziemlich das Teuerste ist, deswegen geh ich davon aus, dass es überall zumindest ähnlich ist. Allerdings studierst du dann mit vielen Menschen, die genau die gleichen Materialien brauchen wie du und da kann man sich wunderbar zusammentun und in größeren Mengen zusammen kaufen. Zu dem bekommt man in vielen Künstlerbedarfsläden Rabatte mit dem entsprechenden Studi Ausweis.

Erwartung 5: Viele Kommilitonen mit einem ausgeprägten Ego

Tatsächlich kann ich das direkt verneinen, zumindest bei mir ist es sehr gemeintschaftlich und es wird immer gerne geholfen. Die einzelnen Leute sind auch eher unsicher und reden ihre Arbeit meist schlechter als sie ist – liegt vielleicht auch noch viel daran, dass wir noch ganz am Anfang stehen. Tatsächlich war es in meinem alten Studiengang Kunstgeschichte viel extremer. Da saßen echt einige Klugscheißer drin, die ganz klischeehaft total geschwollen über Kunst gesprochen haben und immer so einer elitäre Aura mit sich rumgetragen haben. Das ist in meinem Studiengang gerade wirklich gar nicht der Fall zum Glück.

Erwartung 6: Man geht ständig zu Ausstellungen und in Museen

Wir wurden vom ersten Unterrichtstag dazu angehalten, in so viele Ausstellungen wie möglich zu gehen und uns generell viel mit anderen Künstlern und auch dem Kunstmarkt auseinanderzusetzen. Klar macht auch Sinn, erstens bringt dir das extrem viel Inspiration für deine eigenen Arbeiten, du verstehst Techniken/Stile/Medien besser und hast (bei kleineren Ausstellungen) oft auch gute Chancen dich zu vernetzen und andere Künstler persönlich kennenzulernen. Meine Akademie bietet deswegen relativ oft die Möglichkeit, mit der ganzen Gruppe in nahegelegene Museen und Ausstellungen zu fahren. Außerdem gibt es Exkursionen nach Venedig zur Biennale und wir haben das Atelier einer Dozentin besucht und eines Künstlers, der mit meinem Plastikdozent befreundet ist. Diese Erwartung hat sich also definitiv bestätigt.

Erwartung 7: Es ist sehr hart gute Noten zu bekommen

Jein. Ich glaube im Kunststudium muss man sich generell von Noten einfach auch ein bisschen lösen, da sie generell eher nichtssagend sind und selbst deine Abschlussnote komplett egal ist, weil du danach selbstständig bist. Es geht viel mehr darum, dein handwerkliches Können und dein Wissen über Kunst zu schulen sowie deinen eigenen Stil herauszuarbeiten, mit dem du dann im besten Fall danach Fuß fassen kannst. Es gibt auch einfach nicht oft Noten, sondern dann regelmäßiges Feedback zur Arbeit. Klassische Noten gibt es nur bei der Aufnahmeprüfung und bei der jährlichen Mappenprüfung, wo man ja aber auch nur ausgewählte (und die besten) Arbeiten abgibt.
Allerdings stimmt es, dass man recht viel Kritik bekommt, selbst wenn man gut arbeitet. Die Dozenten wollen ja nur, dass man sich noch weiter  entwickelt und nicht ewig auf derselben Stelle bleibt – umso mehr freut man sich dann über Lob 😊 

Erwartung 8: Man malt worauf man Lust hat

Das ist weder wahr noch falsch. Allerdings ist es vor allem am Anfang des Studiums so, dass man natürlich erst mal die Grundlagen lernen muss und da gibt es oft Aufgaben, die man so niemals gemacht hätte. Bei mir sträubt sich zum Beispiel alles bei Collagen. Trotzdem mussten wir in der einen Stunde eine Collage basteln und diese dann mit Acryl vergrößert auf Papier malen und die hat mir dann so gut gefallen, dass ich sie sogar bei der Sommerausstellung präsentiert habe. Das wirkliche freie Arbeiten und Ausfeilen des Stils kommt aber erst in höheren Semestern und so riiiichtig auch erst beim Erstellen der Abschlussarbeit über die letzten zwei Semester.

Erwartung 9: Man bekommt danach eh keinen Job

Um ehrlich zu sein habe ich das Gefühl, dieser Satz kommt bei 70% aller Studiengänge. Quasi alle Geisteswissenschaften und alles im kreativen Bereich. ABER es ist wahr, Kunst ist eines der härtesten Pflaster und man kommt sicher nicht aus dem Studium, wird dann irgendwo angestellt und verdient sofort Geld. Man ist auf jeden Fall selbstständig (außer man lehrt an Schulen oder Unis). Es ist am besten wenn man sich während dem Studium schon einen Namen aufbaut und sich überlegt, auf welchem Weg man seine Kreativität vermarkten will. Und ja es stimmt, gerade am Anfang nach dem Studium kommen die wenigsten ohne einen Brotjob aus. Wenn man schnell richtig viel Geld verdienen will dann ist Kunst definitiv nichts für einen – Man weiß einfach nicht wie es laufen wird, bis man sich kopfüber reinstürzt.

Man muss flexibel und anpassungsfähig sein und vor allem bereit, hart zu arbeiten. Und vor allem muss man es wirklich wollen – es ist wie gesagt kein einfacher Weg aber ich bin mir sicher, dass man Fuß fassen kann wenn man sich wirklich mit Leib und Seele hingibt. 

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