Kann man mit wenig Geld überhaupt nachhaltiger leben?

Nachhaltig mit wenig Geld

Edelstahlbrotdose, Edelstahltrinkflasche und Röhrchen. Wiederverwendbare Abschminkpads, Rasierhobel und Menstruationstasse. Fairfashion. Bio Lebensmittel.

Das alles lässt erst einmal den Eindruck entstehen, als könne man mit wenig Geld fast gar nicht nachhaltig leben, wenn man sich so viel neue Sachen zulegen muss um die alten Umweltsünden zu ersetzen. Und tatsächlich höre ich genau dieses Argument auch am meisten.

Nachhaltigkeit ist eine Marketingstrategie geworden. Man bezahlt für ein gutes Gewissen gerne mehr – genau diesen Wandel kann man seit einigen Jahren schon bei veganen Produkten erkennen. Lebensmittel, die schon IMMER vegan waren, bekommen nun das Siegel aufgedruckt und steigen sofort im Preis. Genauso ist es bei den (vermeintlich) nachhaltigen Alternativen zu alltäglichen Produkten. Ich nenne jetzt hier als Beispiel mal ein Öko-Travel-Besteckset. Löffel, Gabel, Messer und Röhrchen aus Bambus hübsch verpackt in einem Beutel, den man bequem in jeden Rucksack stecken kann. Für ca 25 Euro. I MEAN WTF! Ganz ehrlich das ist reine Geldmacherei. Und es ist überhaupt nichts Nachhaltiges daran, sich ein neues Produkt zu kaufen, dass man theoretisch schon in 20 Ausführungen zuhause hat – ja richtig, surprise, du kannst auch einfach eine gabel und ein löffel von zuhause in deinen Rucksack werfen.

Und genau das ist das Problem. Die ganzen Angebote locken damit, deine alten „Umweltsünden“ wegzuwerfen und sie durch neue, bessere zu ersetzen. Aber deine jetzigen Sachen wurden nun einmal schon hergestellt und sollten jetzt auch einfach von dir benutzt werden, bis sie auseinanderfallen. Ich kenne den Struggle zu gut, man will auch einfach selbst SEHEN, dass man jetzt ökologischer unterwegs ist – und das tut man in seinem minimalistischen Bad in dem nichts mit Verpackung steht nun mal mehr – aber im Endeffekt macht man damit den größten Nachhaltigkeitsfehler generell. Nämlich Sachen konsumieren, die man eigentlich gar nicht braucht.

In der grünen Blogger Bubble sind Edelstahl Trinkflaschen schon zu einem kleinen Statussymbol geworden. Meine beste Freundin ist bei Greenpeace aktiv und sie war vor kurzem auf einem Treffen dort, wo viele mit Edelstahlbrotdosen unterwegs waren und sie hatte ihr Essen in einer alten Plastikrotdose von zuhause. Am Telefon hat sie mir dann direkt erzählt, dass sie sich damit komisch gefühlt hat, weil sie ihr Essen in Plastik verpackt zum Umweltschutzmeeting mitgebracht hat, statt wie die anderen in der nachhaltigeren Variante aus Stahl. Und sie hatte auch direkt den Kaufimpuls, sich jetzt so eine Dose für weit über 30 Euro zu holen – Was weder ihr noch mein Geldbeutel einfach so hergeben würde.

In dem Gespräch wurde mir erst nochmal richtig bewusst wie dumm es eigentlich ist von mir, alle meine Sachen ersetzen zu wollen, wenn sie doch noch funktionieren. Ja klar, die Edelstahlbrotdose sieht besser aus, wenn man ein Öko sein will. Man will seine Überzeugung ja auch irgendwie nach außen tragen – das wollen wir doch alle irgendwie.

Ich möchte hier ja eigentlich drüber reden, wie man auch mit wenig Geld nachhaltig leben kann und habe jetzt recht umschweifend den für mich wichtigsten Punkt dazu beschrieben

Nutze deine Dinge bis sie komplett kaputt sind und Upcylce so viel du kannst! Kaufe so wenig wie möglich neu und wenn dann secondhand. Das spart Unmengen an Geld bei dir und gleichzeitig so viele Ressourcen. Gerade Kleidung ist so ein Thema. Fair Fashion ist wirklich wahnsinnig wahnsinnig teuer. Tatsächlich besitze ich noch nicht ein einziges Kleidungsstück aus nachhaltiger Produktion, dafür ist der Großteil meiner Kleidung und fast alle Schuhe secondhand.

Es sind derzeit so wahnsinnig viele Produkte im Umlauf, die müssen eigentlich erstmal verwertet werden. Wie viele Kleidungsstücke trägt man denn tatsächlich bis sie auseinanderfallen? Und lässt sie dann vielleicht auch einfach nochmal flicken? Wer aus unserer Generation geht überhaupt noch zum Schuster? Warum sollte man auch, wenn man für die 10 Euro Reparaturkosten schon ein neues Paar bei den bekannten Marken bekommt. Ich glaube wir müssen alle nochmal lernen, unsere Besitztümer wert zu schätzen. Auf sie aufzupassen und zu reparieren, damit sie so lange wie möglich halten. Und wenn man dann mal was Neues braucht auf die Qualität zu achten oder einem bereits gebrauchten Gegenstand eine zweite Chance zu geben!

Zurück zu dem Geldthema. Tatsächlich sparst du an vielen Ecken sogar extrem Geld wenn du nachhaltiger leben willst. Ich schreibe dir mal eine kleine Übersicht:

  1. Kaufe so wenig wie möglich neu.
    Die meisten Sachen, von denen man denkt, das man sie unbedingt braucht, hat man wahrscheinlich schon zuhause. Oder zumindest die Utensilien, um es vielleicht selbst zu machen. Dir steht das Internet mit all seinen Tipps und Tricks zur Seite. Schau für deine Umgebung mal nach „Free your Stuff“, „free your Craft“ und „Foodsharing“ Seiten. Dort bekommst du Produkte aber auch Hilfe, falls du mal was reparieren musst.
    Mache doch vielleicht mal eine „Einen Monat No-Buy Challenge“ und schau, wie gut du auskommst wenn du einfach mal zu jedem Kaufimpuls nein sagst.
  2. Gehört eigentlich noch zum ersten Punkt: Setze dich mit Minimalismus auseinander und verändere dein Mindset zu Konsumgütern.
  3. Rechne auf lange Sicht. Viele anfangs teure, grünere Produkte rechnen sich schon nach kurzer Zeit extrem. Bestes Beispiel ist die Menstruationstasse, wo du einmal um die 20 Euro für bezahlst aber dann ZEHN JAHRE lang versorgt bist. Oder ein To Go Kaffeebecher zum Beispiel.
  4. Omas Hausmittel. Du kannst mit Natron, Essigessenz und Zitronensäure eigentlich dein komplettes Haus putzen.
  5. Einfache, pflanzliche Rezepte schonen die Umwelt und den Geldbeutel. Lasse die teuren veganen Ersatzprodukte so gut es geht weg.
  6. Leitungswasser spart Verpackung, Transport und Geld.
  7. Falls es dich betrifft: Hör mit dem Rauchen auf. Wenn dir die Umwelt wichtig ist ist das ein sehr guter Punkt um anzusetzen! Ich weiß aber auch dass es eine Sucht ist, die sich nicht so einfach von heute auf morgen abstellen lässt. Aber vielleicht hilft dir der ökologische Aspekt zusätzlich zum finanziellen und gesundheitlichen, wenn du damit aufhören möchtest. Wenn du das nicht willst entsorge die Kippen bitte unbedingt gerecht und werfe sie NIEMALS einfach auf den Boden oder in den falschen Müll. Eine einzige Zigarette vergiftet um die 40 Liter Wasser.
  8. Verschwende keine Lebensmittel. Du wirfst damit nicht nur wertvolle Ressourcen weg sondern quasi auch dein Geld. Hier hab ich einige Tipps runtergeschrieben, wie du das vermeiden kannst: http://theprintrovert.de/2018/05/06/mach-doch-keinen-muell-lebensmittel/
  9. Fahr mit dem Rad oder laufe so viel du kannst. Ich verurteile wirklich niemanden, der wegen was auch immer tatsächlich auf ein Auto angewiesen ist. Ich komme selbst vom Land und weiß wie das ist, besitze deswegen auch einen Führerschein. Aber ich kenne es auch aus meinem Umfeld zu gut – Wenn dann halt ein Auto in der Garage steht nutzt man es tendenziell auch für kurze Strecken.

Du siehst, nachhaltiger leben bedeutet sehr oft einfach einen Schritt zurück zu machen. Sich mal auf Omas Weisheiten zu berufen und den Verlockungen der Industrie zu widerstehen. Auch der „ökologischen“ Industie.

Fällt dir noch was ein an Tipps? Oder was ist generell deine Meinung zu dem Thema? Ich verlinke dir zum Abschluss mal noch meinen Beitrag zu Kleinigkeiten, die oft wenig kosten aber der Erde sehr gut tun 🙂 http://theprintrovert.de/2018/07/04/umwelt-im-alltag-schuetzen-kleinigkeiten-die-dir-mutter-erde-danken-wird/

2 Kommentare zu „Kann man mit wenig Geld überhaupt nachhaltiger leben?“

  1. Huhu 🙂
    Ich finde deinen Beitrag klasse, da du mal explizit die Geldfrage in Angriff nimmst. Was mir gerade zum Thema Ernährung wieder auffällt: regional und saisonal kaufen! Das ist gut für die Erde und diese Produkte sind meistens billiger. Sogar auf dem Markt sind die Sachen absolut erschwinglich. Und, was natürlich auch eine Zeitfrage ist, aber selbst kochen ist auch super. Und wenn man gleich Dinge wie Nudeln oder Reis auf Vorrat kauft und immer was im Haus hat, sit das auch klasse!
    Gerade in Küche und Bad gibt es so viele Dinge, die man machen kann, die auch nicht allzu viel Geld (mehr) kosten.
    Liebe Grüße
    Kat

    1. Hallo, vielen Dank für deinen Kommentar! 🙂
      Ja es war mir sehr wichtig die Geldfrage mal in Angriff zu nehmen einfach weil es SO OFT als Argument gegen Nachhaltigkeit gebracht wird. Und man dann erstaunlich wenig dazu im Netz findet.
      Bei dem Ernährungsaspekt gebe ich dir sooo recht! Ich dachte früher auch dass der Markt sicher extrem teuer ist, aber oft zahlt man nicht mehr als in einem normalen Supermarkt. Ich finde schon dass es etwas teurer ist als der Discounter, dafür unterstützt man dann die Bauern aber auch direkter und effektiver.
      Liebste Grüße!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.