Rezension: Du wolltest es doch – Louise O‘Neill

Triggerwarnung, im folgenden Beitrag geht es um ein Buch, welches Vergewaltigung/sexuellen Missbrauch und Gewalt thematisiert

Emma ist hübsch und beliebt, die Jungs reißen sich um sie. Und sie genießt es, versucht, immer im Mittelpunkt zu stehen: Das Mädchen, das jeden herumkriegt. Bis sie nach einer Party zerschlagen und mit zerrissenem Kleid vor ihrem Haus aufwacht. Klar, sie ist mit Paul ins Schlafzimmer gegangen. Hat Pillen eingeworfen. Die anderen Jungs kamen hinterher. Aber dann? Sie erinnert sich nicht, aber die gesamte Schule weiß es. Sie haben die Fotos gesehen. Ist Emma wirklich selber schuld? Was hat sie erwartet – Emma, die Schlampe in dem ultrakurzen Kleid

Wenn du hier schon länger unterwegs bist, weißt du, dass ich mit Buchrezensionen angefangen habe aber mittlerweile eigentlich kaum noch über einzelne Bücher schreibe. Wenn überhaupt gibt es Sammelrezensionen. Eigentlich schade, ich habe definitiv wieder Lust, mehr über Bücher zu sprechen. Und dieses Buch hier verdient definitiv einen eigenen Beitrag!

Die Thematik ist wirklich keine einfache. Bei weitem nicht. Und es ist auch nicht einfach, darüber zu schreiben – weshalb die Gemüter bei diesem Buch wohl auch so gespalten sind. Die einen finden es großartig und andere können gar nichts damit anfangen. Ich gehöre definitiv zur ersten Fraktion, ich konnte die Geschichte kaum zur Seite legen! 

Die Geschichte ist quasi eingeteilt in ein „vorher“ und ein „nachher“. Ein „Letztes Jahr“ und „Dieses Jahr“. So beginnt die Protagonistin Emma auch, sie erzählt uns erst einmal wie ihr Leben noch vor einem Jahr tagtäglich aussah und was ihre Träume und Ziele waren. Wir lernen in ihr eine absolut unsympathische und arrogante junge Frau kennen, mit der sich wahrscheinlich keiner identifizieren kann oder zumindest will. Sie ist absolut oberflächlich, eingebildet und eine richtig schlechte Freundin, die aber trotzdem super beliebt ist und die sich jedes Wochenende einen neuen Typen klärt, ohne Rücksicht auf Gefühle von anderen. Im ersten Teil der Geschichte hätte ich das Buch so oft so gerne an die wand geworfen, weil ich Emma für ihr Verhalten wirklich hasse. Und genau dieser Punkt macht das Buch so gut – klingt absurd aber ich finde genau das ist das Besondere an der Geschichte. 

Gerade ihr passiert dann an einem Abend so etwas Schlimmes und im allerersten Moment sitzt man als lesende Person dann da und es berührt einen nicht so wirklich. Und ich war so extrem geschockt, dass es mich für diesen kurzen Moment tatsächlich kalt gelassen hat – aber ich bin mir sehr sicher, dass das genau die Intention der Autorin war. Denn genauso reagieren fast alle Personen in Emmas Umfeld, es herrscht ein Grundtenor nach dem Motto sie hätte es nicht anders verdient. Und dass sie es doch wollte. Dass sie selbst dran Schuld sei. Immerhin ist sie freiwillig mit ihm ins Zimmer gegangen.

Hier greift das Buch einen weiteren sehr wichtigen Punkt an – wo sexueller missbrauch beginnt. Man wird quasi gezwungen sich in dem Moment Gedanken darüber zu machen, was sicher einige noch nicht so wirklich getan haben. Dazu muss man sich ja leider nur Geschichten unter #metoo durchlesen. 

Später wird deutlich, dass da Sachen passiert sind, die man eigentlich gar nicht anders betiteln kann und sie wurden sogar auf Fotos festgehalten. Diese kursieren im Netz und sind Brennmaterial für die Hetze, die daraufhin im Netz entsteht – und die ich leider mehr als realistisch fand. Die Anonymität und das Gruppenbilden von hassschürenden Personen wurde sehr gut dargestellt und die Wirkung von solchen Kommentaren auf die Psyche der betroffenen Person sollte uns alle nochmal nachdenken lassen. Auch was ein simples „Like“ auf einen abfälligen Kommentar schon für einen Unterschied machen kann – es macht aus einer fiesen Person direkt zwei. Obwohl die zweite Person vielleicht niemals so etwas selbst geschrieben hätte. 

Die zweite Hälfte des Buches war dann nur noch absolutes Gefühlschaos. Ich könnte Emma weiterhin kein Stück leiden und trotzdem berührte mich ihre Geschichte zunehmend. Irgendwann hasste ich (mit Ausnahme von 2 Leuten) quasi alle Personen in dem Buch. Ich wäre so gerne in die Geschichte gesprungen und hätte mich für Emma stark gemacht. Es wäre bitter nötig gewesen. Ich hoffe, dass das Buch soweit sensibilisiert, dass es im wahren Leben auch genauso passieren wird. Das man selbst nicht so reagieren würde, wie es die meisten Leute in der Geschichte getan haben. Und natürlich behauptet jeder von sich, gegen Vergewaltigungen zu sein und natürlich ist man immer auf der Seite der Opfer. Aber diese, leider sehr realistische, Geschichte zeigt, dass es in der Situation dann ganz schnell anders aussehen kann. 

Puh und dann kam das Ende des Buchs. Ich will da gar nicht viel vorweg nehmen, außer, dass es verdammt realistisch ist und im Nachwort auch noch gut erklärt wird, warum ausgerechnet dieser Ausgang gewählt wurde. 

Für mich ein Must Read der Jugendliteratur. Sowas sollte in der Schule gelesen werden und es sollte dann dort drüber diskutiert werden. Über den Beginn von sexueller Gewalt, über Victim Blaming und Slutshaming, über die psychischen Folgen der Betroffenen und die Reaktionen der Außenstehenden gibt es einfach so vieles, worüber man reden muss und worüber längst noch nicht alles gesagt wurde. Wie über das Gefühl von „ich bin selbst schuld“, obwohl doch jeder im Normalfall immer sagt, dass nur die Täter alleine schuld sind. Und auch über die Beweispflicht vor Gericht in solchen Fällen. 

Emma war die erste unsympathische Protagonistin, bei der das genau richtig war. Sie musste so geschrieben sein, damit man dieses Gefühlschaos durchlebt und versteht, dass selbst solche Leute weiterhin das Opfer bleiben. 

Die Geschichte ist definitiv keine, die man so schnell wieder vergessen wird. Tiefgründig, bewegend und emotional. 

Hier nochmal der Hinweis, dass das Buch erst ab 16 ist und generell nichts für Menschen, die sensibel auf das Thema reagieren. Es wird explizite Sprache verwendet.

3 Kommentare zu „Rezension: Du wolltest es doch – Louise O‘Neill“

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