Mein Stress ist stressiger als deiner!

Auch wenn jeder von uns weiß, wie ungesund negativer Stress ist, gilt viel zu tun zu haben mittlerweile als immer cooler. Wer keinen komplett vollen Terminkalender vorweisen kann ist wahrscheinlich irgendsoein Gammelstudent, der sowieso kaum was für sein Fach machen muss und nur zwei mal pro Woche in die Uni muss.

Wahrscheinlich hat jeder von uns diesen einen Freund, der immer soooo viel zu tun hat. Und das eigentlich ständig erwähnt. Foto vom Bücherstapel des Lernstoffs hier, Geschichte über das letzte Businessmeeting da. To-Go Kaffee zwischendurch darf natürlich nicht fehlen, man ist ja schließlich immer on the go und muss wach bleiben. Gemütlich in einem Café den Kaffee trinken ist sowieso nicht drin, wer hat schon Zeit für sowas.

Bis hierhin hab ich damit kein Problem. Jeder kann ja seine Zeit gestalten wie er möchte, da will ich nicht reinreden. Was mich jedoch mittlerweile EXTREM nervt, sind abfällige Bemerkungen, wie gechillt mein Leben doch im Vergleich zu oben besprochenen Personen sei. Immerhin mache ich nicht 8 Vollzeitjobs gleichzeitig und gehe nebenbei noch 5 Hobbies nach und hab auch keine 93938 Kinder und Haustiere. Oder studiere dieses EINE fach, was sowieso viel schwerer ist, als alle anderen. 

So einen Studenten kennt vermutlich auch jeder. Der das einzig wahre Fach studiert und alle anderen, besonders die Geisteswissenschaften, sind sowieso nebenbei erledigt und nicht aufwendig. Und Leute im Berufsleben sind wiederum der Meinung, dass Studieren kein Vergleich zu einem Vollzeitjob ist. Egal was man macht, irgendjemand hat immer mehr zu tun und dann auch noch mit einem viel höheren Anspruch. 

Besonders gegenüber Influencern kommt immer häufiger eine Anfeindung, dass die doch erst mal richtig arbeiten gehen sollten und nicht immer erzählen sollten, dass sie für dies und jenes keine Zeit haben, immerhin sitzen die doch eh den ganzen Tag zuhause und hängen im Internet rum oder machen Selfies. Von influencern kann man halten was man will, aber ich finde es absolut unverschämt und dumm, Ihnen den Stress abzusprechen. 

Stress ist subjektiv. Jeder von uns hat eine andere Stressgrenze und der eine ist vielleicht schon an einem viel geringeren Level komplett ausgelastet, wo der andere vielleicht noch 3 Aufgaben parallel draufpacken könnte. Motivation und mentale Gesundheit spielen hier eine entscheidende Rolle! Niemand kann in den Kopf von anderen reinschauen und meistens weiß man nicht mal, was andere Leute tatsächlich alles leisten müssen. Gerade gegenüber Fremden im Internet, von denen man immer nur einen kleinen Teil aus dem Leben mitbekommt, sollte man sich wirklich nicht so abfällig äußern. Wie man so schön sagt, jeder trägt sein Päckchen und es kann niemand von außen beurteilen, wie schwer so ein Päckchen tatsächlich ist. 

Davon abgesehen – selbst wenn Leute wirklich extrem viel Freizeit haben und diese damit verbringen, Dinge zu tun, die sie glücklich machen.. was ist daran so verwerflich? Was ist an „viel Stress“ bitte cooler als daran, den Fokus auf andere Dinge zu legen, die einem persönlich wichtiger sind? Um ehrlich zu sein bewundere ich diese Menschen. Leute, die gerne in Ihrem Beruf oder für ihr Studium arbeiten und nicht von morgens bis abends rumheulen, wie stressig (und vor allem wie viel stressiger als alles andere) es doch ist. Jetzt versteh das nicht falsch, jeder hat mal extrem stressige Phasen und da ist nichts verwerfliches, diese dann auch als solche zu betiteln. Mir geht es vor allem um die Personen, die in einem solchen Dauerzustand gefangen sind. Gefangen beschreibt finde ich sehr gut, denn meiner Meinung nach ist daran nichts Cool. 

Wenn man es nötig hat, die Arbeit von anderen klein zu reden hat man ganz offensichtlich ein großes Zufriedenheitsproblem mit der eigenen Situation. Und daran ist nichts Erstrebenswert.

6 Kommentare zu „Mein Stress ist stressiger als deiner!“

  1. Wahre Worte. Das ist aber auch so ein seltsames Ding unserer Gesellschaft, dieses immer noch einen drauf setzen. Das gibt’s ja genau so mit „Mir geht’s viel schlechter als dir“. Am besten sind dann auch noch diese Situationen wo du dich jemandem anvertraust weil es dir gerade zu viel ist bzw. du jemanden zum Reden brauchst und derjenige darauf eigentlich direkt mit seinen (natürlich viel schlimmeren) Sorgen anfängt. 🙄

    1. Hey! Danke für deinen Kommentar 🙂
      Kann dir einfach nur sooo zustimmen! Hatte gerade vor kurzem so ein Gespräch. War ein einziger „Am I a fucking joke to you“-Meme moment für mich xD

  2. Guten Morgen,

    da sprichst du was an… Ich bin z.B. eine von denen, die weniger Stress brauchen, bis sie schon komplett ausgelastet sind. Mein Freund ist belastbarer. Aber sobald ich mich mal auskotzen will, wie stressig meine Woche war, damit ich abschließen und entspannen kann und meine Sorgen einfach mit ihm teilen will, darf ich mir noch anhören, dass ich es noch gut haben würde. Er macht schließlich jede Überstunde, die nur geht. Und so weiter und so fort… Also ihm geht es natürlich dann viel schlimmer als mir.

    Dabei sollte das doch wirklich egal sein… Stress ist ungesund und jeder hat andere Dinge, die er als stressig empfindet. Danke für diesen absolut wahren Beitrag!

    Ach, ich hab übrigens den Kollegen, der ja das einzig wahre Fach studiert hat, bei dem er NATÜRLICH auch alle Inhalte hatte, die ich in meiner Ausbildung gelernt hab (ganz anderer Beruf, aber nun gut…). Du kannst dir denken, was da auf der Arbeit immer los ist. 😀

    Liebe Grüße
    Denise

  3. Hallo Celine,

    ein toller Beitrag, der ein wichtiges Thema anspricht! Mir ist das auch schon aufgefallen und vielleicht im Zusammenhang dazu auch, dass quasi ein gesellschaftlicher Zwang besteht, immer produktiv zu sein. „Jetzt habe ich wieder den ganzen Abend Serien geschaut, statt was für die Uni zu tun“, „boah, ich habe heute wieder nichts geschafft“ und so weiter. Ich habe für mich selbst angefangen, mich bewusst zu entschließen, einfach auch mal nicht „produktiv“ zu sein, sondern gezielt zu lesen/einen Film zu gucken/irgendwas zu tun, was mir Spaß macht, ohne dass die Intention dahinter steht, etwas zu schaffen.
    Dabei will ich nicht sagen, dass ich unschuldig bin. Manchmal tendiere ich auch dazu, einen zu vollen Terminkalender zu haben und das insgeheim gut zu finden, weil ich damit das Gefühl habe, genau diesem Anspruch der Produktivität zu entsprechen. Dabei ist das halt auch irgendwie nicht der Sinn des Ganzen. Sondern eher mit seinem Leben und sich selbst zufrieden zu sein.
    Abgesehen davon hast du eben auch Recht – es gibt unterschiedliche Arten von Stress, Menschen empfinden Stress unterschiedlich und Stress ist nichts erstrebenswertes.

    Liebe Grüße
    Dana

    1. Hey! Danke für deinen Kommentar 🙂
      Du hast so recht und das ist ein extrem wichtiger Punkt – glaube da hab ich auch mal einen Beitrag drüber geschrieben (Wenn man Freizeit nicht mehr genießen kann oder sowas in der Art) weil ich genau damit so ein Problem bekommen habe. Finde es super, dass du für dich so einen gesunden Weg gefunden hast!

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