Die Sache mit dem Talent – Kann jeder zeichnen?


Sooo oft höre ich Sätze wie „Ich würde auch so gerne malen, aber ich habe einfach kein Talent“ oder „Du hast so ein Talent!“. Auch wenn es als Kompliment gemeint ist, kann ich diesen Satz nicht wirklich leiden.

Woran denkt man bei Talent? Na klar, eine Eigenschaft, die einem in die Wiege gelegt worden ist. Mit dem angeborenen Talent zu Zeichnen kann man gar nicht anders, als tolle Bilder zu schaffen! Und genau das ist der Punkt der mich stört – Dahinter steckt jede Menge Arbeit und kein Talent. Und durch diesen Spruch wird einem die Arbeit quasi aberkannt oder zumindest wird suggeriert, dass es durchs Talent gar nicht so schwierig war.

Die Sache ist, dass man sich bis heute nicht sicher ist, ob es dieses „Talent“ überhaupt gibt. Ob man wirklich schon als vorprogrammierter Künstler auf die Welt kommt. In dem Buch „Gesundheit ist kein Zufall“ (klicke hier für eine ausführlich Rezension) geht der Autor auf die Phase ein, in der Menschen geprägt werden. Er ist sich ziemlich sicher, dass man quasi als unbeschriebenes Blatt auf die Welt kommt und „Talente“ in dieser bestimmten Phase ausgebildet werden. „Früh übt sich“ ist nicht umsonst ein so bekanntes Sprichwort, denn Kinder, die früh intensiv gefördert wurden, entwickeln in den Bereichen meist auch großes Können und Leidenschaft.

Genau das war bei mir der Fall. Ich kann mich an kaum eine Zeit in meiner Kindheit erinnern, in der ich nicht gemalt habe und in der ich nicht ernsthaft versucht habe, besser zu werden. Auch meine Eltern waren da eine große Hilfe, weil nicht alles immer nur perfekt war, sondern ich auch mal gefragt wurde, warum meine Menschen denn keine Ohren haben oder die Finger aussehen wie Kugeln. Dadurch habe ich früh angefangen überhaupt richtig zu sehen und wahrzunehmen. Dinge und Personen genau zu beobachten und das Erfasste auf Papier zu bringen. Natürlich kann man nicht direkt perfekt zeichnen, nur weil man erkennt, auf welcher Höhe genau die Ohren sitzen oder wie Wimpern geformt sind. Aber es ist der erste Schritt und daraufhin folgt jahrelanges Training.

Trotzdem ist es nicht unmöglich, erst als Teenager oder Erwachsener malen und zeichnen zu lernen. Wer allerdings früh darauf geprägt wurde bzw. wer ein „Talent“ besitzt, der muss nicht ganz bei null anfangen und dem fällt es vielleicht einfacher.

Besonders die Fähigkeit, überhaupt richtig zu sehen und wahrzunehmen ist enorm wichtig und gar nicht so selbstverständlich, wie es sich vielleicht anhört.

Besonders das realistische Zeichnen ist eine Wissenschaft für sich (an der auch ich immer noch knabbere). Ohne Anatomiestudien, Farblehre, Perspektivlehre und Formenlehre wird man nicht weit kommen und es erfordert sehr intensive Übung. Und genau hier ist der Knackpunkt – Die meisten der Menschen die Dinge sagen wie „Ich hab einfach kein Talent“ haben nie ERNSTHAFT versucht, besser zu werden. Damit meine ich wirklich jahrelang zu üben und immer wieder neue Tipps und Tricks zu versuchen und sich wenigstens im Grundsatz mit den verschiedenen Lehren auseinanderzusetzen. Die meisten begrenzen ihre künstlerische Aktivität auf den Kunstunterricht oder alle paar Wochen mal wieder den Versuch zu wagen, zeichnen zu lernen. Vielleicht hält diese Motivation sogar länger an, aber sobald die ersten harten Rückschläge kommen, geben die meisten auf. Hier ist der Glaube an Talent aus sehr limitierend – Wenn man denkt, dass man gar nicht fürs Zeichnen gemacht ist und es eigentlich sowieso nicht lernen kann, gibt man viel, viel schneller auf. 

12 Kommentare zu „Die Sache mit dem Talent – Kann jeder zeichnen?“

  1. Ein sehr toller Beitrag. Das bekomme ich auch sehr oft zu hören, wenn es ums Nähen und Zeichnen geht. Dass ich mit beidem quasi aufgewachsen bin und somit jahrelange Übung dahinter stecken, das erkennt selten jemand.

    Liebst,
    Jule ♥

  2. Dem kann ich nur zustimmen. Ich habe auch immer gezeichnet, schon im Kindergarten sah man mich selten ohne Stifte in der Hand. Allerdings habe ich erst mit etwa 10 Jahren versucht, aktiv besser zu werden. Und wenn man meine Zeichnungen von damals mit heute vergleicht, ist der Fortschritt mehr als deutlich. Weshalb ich auch genau weiß, was man durch viel Übung und Geduld alles schaffen kann. 🙂

    LG Alica

  3. Hey Füchschen 🦊

    mal wieder ein sehr gelungener und ansprechender Beitrag von dir! Stimme dir da absolut zu, dass innere Motivation das wichtigste ist, um etwas zu schaffen, egal was. Ich denke, dass wir alle viel zu wenig an unseren Träumen arbeiten und sie viel zu schnell verloren geben.
    Und die Sache mit der Prägungsphase erklärt dann wohl auch das Benzin in meinem Blut :,D

    Grüße aus dem Wunderland

  4. Liebe Celine,
    danke für diesen informativen Beitrag, ich habe mir nie etwas schlimmes dabei gedacht, wenn man solche Sätze äußert. In Zukunft werde ich da etwas drauf achten, denn du hast recht, für "Betroffene" wirkt das nicht immer wie ein Kompliment.
    Ich glaube Talent hat, wie du schon sagst, ganz viel damit zu tun, wofür man sich von klein an interessiert hat, aber durchaus sind das auch Dinge, die man erst später gelernt hat, oft weil man vorher kein Interesse hatte. Ich habe vor 1-2 Jahren das erste mal genäht und es hat auf Anhieb richtig gut geklappt, vermutlich weil ich einfach richtig Lust hatte es zu lernen. Meine Mama hat schon immer genäht, ganz einfach weil sie andere Klamotten haben wollte, als die die sie damals bekam. Auch Gardinen etc. hat sie dann einfach selbst genäht weil ihr die Dinge in den Läden nicht gefielen oder zu teuer waren. Oft hat es also auch was mit "Müssen" zu tun, aber auch mit "unbedingt wollen". 🙂

    Liebe Grüße,
    Nicci

  5. Ein sehr interessantes und für mich auch persönliches Thema, weil ich immer dachte und mir auch eingeredet wurde, dass ich nicht zeichnen könne – dadurch hatte ich auch nicht wirklich viel Lust. Selbst meine Mutter als Kunstlehrerin gab es irgendwann mit mir auf. Seitdem ich aus der Schule weg bin und kaum noch Kontakt mit meiner Mutter habe, habe ich Lust am Zeichnen bekommen und fange jetzt ganz allmählich mit Sketch Notes an, um mir erst einmal gewisse Grundlagen anzueignen. Ich bin sicherlich noch kein Meister, aber kriege durchaus Zuspruch und bin mit mir selbst zufrieden. Also ja, man kann kann definitiv auch erst mit 27 anfangen und mit ein bisschen Willen und vor allem ohne Druck von Außen, kann man es schaffen 🙂 ^^

    Liebe Grüße
    Ben

  6. Ganz genau so ist es! 🙂
    Ich hab gerade vor kurzem Bilder von 2012 von mir entdeckt und bin geschockt wie sehr sich mein Stil und alles verändert haben. Total krass. Glaube niemand würde die Bilder von damals heute noch mir zuordnen 😀

    Grüße,
    Celine

  7. <3

    Vielen Dank! Genau so ist es, da gibt es nichts hinzuzufügen. Bin sehr froh, dass wir uns oft gegenseitig motivieren was zu tun!

    Und ja, das erklärt wahrscheinlich warum du so bist :D:D

    Grüße zurück ins Wunderland! <3

  8. Hey!
    Ja, ich bedanke mich auch trotzdem immer wenn mir jemand sowas sagt, weil ich genau weiß, dass es als Kompliment und definitiv nicht böse gemeint ist. Wenn es die Situation zu lässt rede ich natürlich auch drüber, warum ich die Aussage nicht so schmeichelhaft finde 🙂

    Genauso sehe ich das auch! Finde das ist ein sehr gutes Beispiel mit dir und deiner Mama 🙂 Finde besonders dieses "unbedingt wollen" ausschlaggebend.

    Grüße,
    Celine

  9. Ein sehr deutlich sprechendes Beispiel! Das zeigt einfach sie sehr man von außen aber auch von innen heraus eingeschränkt werden kann. Wünsche dir noch ganz viel Erfolg! Finde es super cool, dass du es trotzdem lernen willst, obwohl du damals so viel Gegenwind erfahren hast 🙂

  10. Guter Punkt – ich empfand solche Sätze auch immer als erstaunlich rücksichtslos und nicht sehr schmeichelnd, weil es verschweigt wieviel man geübt hat und wieviel Zeit man in das Besser-werden investiert hat.

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