Frau Doktorin, ich habe Weltschmerz!

So oder so ähnlich könnte man es mal versuchen, Hilfe wird man jedoch nicht bekommen. Gegen diesen Schmerz helfen keine Ibuprofen.
Besonders durch das Internet bekommt man immer mehr Missstände in der Welt mit und wenn man anfängt, sich intensiv damit zu beschäftigen, merkt man: das nimmt gar kein Ende mehr. Zum Verzweifeln. Man will die Nachrichten vermeiden, sich gar nicht mehr damit beschäftigen. Wenn man es doch tut fühlt man sich absolut machtlos und unendlich traurig.
 
Ich versuche im Allgemeinen immer positiv zu sein, mein Leben läuft ja auch echt super – aber da ist immer der Gedanke an Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt. Ich lebe hier im Überfluss und irgendwo anders verhungert jemand, jemand muss sich hochgiftigen Substanzen aussetzen und in sklavenähnlichen Verhältnissen leben, um die Familie zu ernähren oder es sterben unzählige Tiere in einer einzigen Sekunde.
 
Hier ist nicht nur die reine Empathie schuld, es schwingt auch ein großes Ohnmachtsgefühl mit – Wie soll man da bloß was ändern? Ebenso empfindet man Wut auf die Menschen, die sich so gar nicht dafür interessieren. Am Ende des Tages mischen sich diese Gefühle alle zu tiefsitzender Traurigkeit und einem Gefühl der Überforderung und Müdigkeit.
 
Eine wichtige Lektion, die ich machen musste: Man kann nicht helfen wenn man selbst verzweifelt und dauerhaft traurig ist. Erst wenn man selbst sicheren Halt hat, kann man sich um andere kümmern, deswegen darf man aus doppeltem Grund nie vergessen, sich auch um sich selbst zu kümmern!
 
 Hier ist auch interessant zu betrachten, wo der Begriff „Weltschmerz“ überhaupt herkommt. Es ist nämlich auch in anderen Ländern ein viel gebrauchtes Wort und somit ein Germanismus, der hier gebildet und von anderen Kulturen übernommen wurde. Auch wenn die Definition von damals nicht mehr zu 100% mit der heutigen übereinstimmt, lässt sich sagen, dass sich dieses Wort in einer Wohlstandsgesellschaft gebildet hat. Denn nur, wenn du nicht selbst um dich und dein Überleben und Wohlbefinden fürchten musst, bist du empfänglich für das Leid von anderen. Daher ist es so wichtig, auf sich selbst zu achten. Andererseits ist das auch ironisch. Denn unser System und unsere Konsumgesellschaft sollen uns glücklich machen – allerdings werden dafür Millionen Menschen und Tiere sowie unsere komplette Umwelt ausgebeutet, was uns im Endeffekt noch viel unglücklicher macht.
 
Ich habe mit Freunden und mir selbst diskutiert, wie man nun mit Weltschmerz umgehen soll. Die einzige Möglichkeit scheint zu sein, sich auf die Punkte zu konzentrieren, die man verändern kann. Es ist besser immerhin das Leid ein wenig zu verringern und „nur“ ein paar Tiere und Menschen zu retten, als gar nichts zu tun. Frei nach dem Motto „Wenn ich nicht alle retten kann brauche ich ja auch erst gar nicht anfangen“. Dieser Ohnmachtsgedanke ist der Grund, wieso wir uns so klein halten und sich nichts ändert.
 
Ich arbeite daran, einen gesunden Mittelweg zu finden. Es ist wichtig, auf sich selbst zu achten und sich dem Leid nicht komplett hinzugeben, nur um am Schluss daran zu zerbrechen. Genauso falsch ist es, komplett die Augen davor zu verschließen, „weil man ja eh nichts ändern kann“.
 
 

 

„Wenn du nicht Teil der Lösung bist, bist du Teil des Problems“

8 Kommentare zu „Frau Doktorin, ich habe Weltschmerz!“

  1. Du hast absolut recht! Mitfühlen: JA! Aber darin versinken oder wegschauen ist absolut keine Option, denn so ändert sich nichts – egal ob es um Tier- und/oder Umweltschutz geht, Obdachlosigkeit, Politik, oder oder oder …

    Man muss nicht tägl über versch. Plattformen darauf aufmerksam machen oder in Suppenküchen arbeiten – um es mal plump auszudrücken – auch kleine Schritte können etwas großes bewirken!

  2. Mein Weg ist es, mich auf einen bestimmten Bereich zu konzentrieren (Bildungsgerechtigkeit) und mich da aktiv zu engagieren (bei ArbeiterKind.de), um so die Welt in diesem Punkt ein klein wenig besser zu machen. Denn alles gleichzeitig verbessern lässt wohl jeden Menschen scheitern. Nichtsdestotrotz versuche ich natürlich bewusst zu leben 🙂

  3. Hey,

    ich weiß was du meinst, denn mir geht es genauso. Ich würde so gerne mehr machen können, aber ich weiß auch gar nicht, wo man ansetzen kann.
    Wenn ich sehe, dass ich irgendwo helfen kann, dann tue ich das ohne nachzudenken. Ich denke solch Kleinigkeiten können schon viel bewirken.

    Hab einen tollen Abend.

    Ganz lieben Gruß
    Steffi von angeltearz liest

  4. Schön, dass du das genauso siehst 🙂

    Finde ich auch! Wenn man mal keine Kraft für große Sachen hat, kann man ja wenigstens die kleinen angehen. Oder die passiven Sachen, wie Konsumgewohnheiten umstellen und zum Beispiel weniger Plastik oder schlecht produzierte Sachen kaufen.

  5. Das ist wahrscheinlich auch echt ein guter Weg 🙂
    Ich habe halt leider zehntausend Baustellen und noch viel mehr in Planung, was es nicht besser macht.. Wahrscheinlich ist da Überfordert sein schon vorprogrammiert 😀

    Liebste Grüße
    Celine

  6. Hellou!
    Ja, das sehe ich genauso. Kleinigkeiten sind auch echt wichtig, und wenn da jeder mehr machen würde, wäre die Welt schon eine bessere. Oder so einfache passive Sachen, wie Konsum umstellen und zum Beispiel mehr Fairtrade oder Secondhand kaufen.

    Danke und liebe Grüße,
    Celine

  7. Eigentlich ist zu dem Thema hier schon vieles gesagt worden, dem ich mich so anschließe. Ich möchte nur noch einbringen, dass Weltschmerz einen wirklich kaputtmachen kann.

    Ich bin seit 15 Jahren in der Punk-, "autonomen" und Antiszene unterwegs und habe oft erlebt, dass Leute sich eben den Drogen und dem Alkohol an dem Punkt hingegeben haben, an dem sie gemerkt haben, dass sie so nicht weiterkommen (natürlich kommen dann noch ein paar andere Dinge dazu, aber das ist ein großer Punkt bei solchen Biographien). Und bei mir selbst habe ich in bestimmten Lebensphasen auch einen Hang in diese Richtung gespürt. Besonders als junger Teenager und am Anfang meines Studiums, wenn sich halt jeweils der politische Erfahrungshorizont noch mal geändert hat, habe ich eigentlich nur noch im Alkohol ein bisschen geistige Ruhe gefunden, da ich aber ansonsten nicht sehr suchtaffin zu sein scheine und doch ein bisschen Willensstärke habe, habe ich immer den Weg zurück gefunden bzw. bin nie ganz abgerutscht. Andere sind auch militant bzw. politisch gewalttätig geworden und sind im Knast gelandet.
    Ja, also ich will damit sagen, dass man mit anderen über solche Dinge sprechen muss und sollte, besonders wenn dieses Ohnmachtsgefühl kommt.

  8. Helloo,
    vielen, vielen Dank für diesen ausführlichen und auch persönlichen Kommentar. Dem ist nichts hinzuzufügen, besonders deinen letzten Satz finde ich wichtig. Und eben das, was ich oben auch beschrieben habe, dass man unbedingt auf sich selbst aufpassen muss! In so einem Zustand kann man dann auch selbst nichts mehr verändern, was wahrscheinlich auch irgendwann wie ein Teufelskreis wirkt..

    Liebste Grüße,
    Celine

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